top of page

Liebe immer (l’amour toujours) – aber nicht für jeden? Gedanken zum Sylt-Video.


Mittlerweile sollte es jede*r mitbekommen haben: Vergangene Woche ging ein Video viral, das junge, wohlhabende Menschen vor der vielfach zitierten „Pony-Bar“ auf Sylt zeigt. So weit, so gewöhnlich. Denn dass die „prestigeträchtigen“ Feierlichkeiten dort gefilmt werden, um einen entsprechenden Lifestyle in den Sozialen Online-Medien zu propagieren, ist sicherlich gang und gäbe.

Inwiefern die rassistischen Parolen aus der NS-Zeit, die die Feiernden lauthals singen, zum guten Ton gehören, ist die große Frage, die seither im Diskurs-Raum Deutschland steht. Wir haben Redebedarf.

Mitten in der Debatte befindet sich ein italienischer DJ, Gigi D’Agostino, dessen 25 Jahre alter Song „L’amour toujours“ – zu Deutsch: Liebe immer – von der rechten Szene zweckentfremdet und missbraucht wird. Seit vielen Jahren, wie mittlerweile bekannt ist.

Der 56-Jährige distanziert sich klar von der rassistischen und einfältigen „Version“ seines Werks. Vielmehr verweist er darauf, dass es darin um das Gegenteil von Hass, nämlich um die Liebe geht. Ein Blick in die Lyrics zeigt: Das „lyrische Ich“ spricht von Vertrauen in eine geliebte Person, von bedingungsloser Liebe, ungeachtet der persönlichen Vergangenheit.

Die Vergangenheit ausblenden. Sich, im exakten Wortlaut des Songs, nicht dafür interessieren, was in der Vergangenheit getan wurde. An dieser Stelle könnte man stutzig werden. Außer Frage steht, dass D’Agostino in seinem Lied von Liebe spricht.

Und dennoch. Bedingungslose Liebe steht hier einem gefährlichen Narrativ gegenüber: der Relativierung von Geschichte. Konkret auf die rechtsextreme Umdichtung bezogen: der NS-Zeit. Ich bezweifle, dass die rechte Szene diese Analogie zum Anlass, gar zur Kenntnis genommen hat. Ausschlaggebend war wahrscheinlich nur der einprägsame Beat.

Infolge des viralen Videos gab es einen enormen Aufschrei. Zumindest in meiner Echokammer. Das ist nicht in jedem Teil der Gesellschaft so. Stattdessen gibt es Nachahmer. Und zwar solche, die öffentlich die Parolen zu demselben Lied vortragen. Keine Massen an Menschen, aber doch genug, um die „Einzelfall-Diskussion“ ohne Zögern an den Nagel zu hängen.

In den Fokus rückt deshalb etwas anderes. Dabei wird nicht selten von einer „Verrohung der Jugend“ gesprochen. Die kürzlich erschienene Studie zum Wahlverhalten der jungen Generation, die in weiten Teilen auch die AfD wählen würden, muss als Vorwand herhalten. Ebenso wie Kommentare in den Sozialen Online-Netzwerken. Sie nehmen den Vorfall nicht ernst genug, heißt es. Damit fährt es sich komfortabel. Besonders weil die „jungen“ Menschen aus dem Sylt-Video (20 Jahre aufwärts) dabei mit Schüler*innen in einen Topf geschmissen werden. „Die Jugend“ gibt es nicht und nicht jede*r, der im Sylt-Video zu sehen ist, ist gesichert rechtsextrem.





Auf TikTok waren viele wenig überrascht über die Nazi-Parolen. Dass es rechtsextreme Strukturen in Deutschland gibt, ist vor allem den Schüler*innen durchaus bewusst. Ich gehe sogar so weit und behaupte, dass sie sich mehr mit der deutschen Geschichte und den politischen Entwicklungen auseinandersetzen als der überwiegende Teil der Gesellschaft, bei denen der Geschichtsunterricht Jahrzehnte her ist. Daher rührt die fehlende Überraschung über das zutiefst rassistische Video. Wer nicht überrascht ist darüber, ist nicht zugleich anteilnahmslos, verroht oder relativierend. Sondern realistisch.

Genau wie in diesem Blogbeitrag, liegt der Fokus in der gesellschaftlichen Debatte auch auf dem Lied „L’amour toujours“. So ist die öffentlichkeitswirksame Konsequenz aus dem Sylt-Video, dass das Lied bei einer Großveranstaltung nach der anderen nicht mehr gespielt wird. Der Song löst in mir weder Nostalgie aus, noch ist es für mich ein Party-Hit, der unentbehrlich ist. Aber dennoch stimme ich denjenigen zu, die das pauschale „Verbot“ des Liedes kritisch sehen.

Kein Gigi D’Agostino, keine rechten Parolen. Wer es glaubt… Wenn zum Start der Fußball-Europameisterschaft vor dem Brandenburger Tor Nazis ihre Ideologie verbreiten wollen, brauchen sie den einen Song dazu nicht.

Zudem finde ich eine Idee von Spiegel-Redakteur Markus Feldenkirchen und ZEIT-Redakteurin Yasmine M’Barek deutlich besser als ein Verbot: Wie bekommen wir es hin, „Liebe immer“ wieder einen liebevollen und keinen hassdurchsetzen Anstrich zu verpassen? Wir sollten der rechten Szene nicht die Deutungshoheit überlassen. Auch nicht in diesem Fall. Mein Appell: Bedingungslose Liebe statt Geschichtsrevisionismus.

17 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Comments


bottom of page